Politische Arbeit

Stadtbild – ein Opfer des Zeitgeistes?

Veröffentlicht in der AZ – Brugger Stimmen vom 18. April 2009

Wer kennt sie nicht, die Alte Post. Mit ihrer markanten Fassadengliederung und der charakteristischen Dachbildung fällt sie auf. Generationen von Bruggerinnen und Bruggern aber auch vielen Durchreisenden ist sie vertraut. Sie ist aus dem Brugger Stadtbild nicht wegzudenken – könnte man meinen, doch wenn es nach dem Willen des Stadtrates geht, sind ihre Tage gezählt. An ihrer Stelle soll ein modernes Verwaltungsgebäude entstehen.

Ein Entscheid, der von vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht nachvollzogen werden kann; meiner Meinung nach zu recht.

Wer sich die Zeit nimmt und sich eingehend mit Gebäude und seiner Geschichte befasst, wird sehr rasch feststellen, dass hier das falsche Opfer für den Aufbruch ausgewählt wurde. Bei der Alten Post handelt es sich um ein Bauwerk, das von unabhängigen Gutachtern als städtebaulich und architektonisch beispielhaft und erhaltenswert bezeichnet wird.

Sie ist stadthistorisch bedeutend, weil sie prägender Zeuge einer Zeit ist, in der sich die Stadt Brugg in einer beispiellosen Aufbruchstimmung befand: 1892 war Brugg die erste aargauische Gemeinde, die Strom aus einem gemeindeeigenen Kraftwerk erhielt und den Grundstein für die weitere Stadtentwicklung legte. Innerhalb eines Jahrzehntes erhöhte sich die Bevölkerungszahl um 50% auf 1800 Einwohner. Dieser Aufbruch lässt sich auch in der 1893/94 erbauten Alten Post ablesen, die man zu jener Zeit wohl in einer Kantonshauptstadt, nicht aber in einer Kleinstadt erwarten durfte. Die Pläne dazu stammten von den schweizweit bekannten Architekten Otto Dorer und Adolf Füchslin, die zu jener Zeit auch die Lehrmeister des späteren Brugger Architekten Albert Froelich waren.

Die Alte Post steht an einem zentralen Ort und bildet ein Scharnier zwischen der gewachsenen Verbindung Altstadt – Neustadt. Bei einem Abbruch würde deswegen nicht nur ein Stück Stadtgeschichte und Identität unwiederbringlich verloren gehen, sondern auch die Altstadt optisch isoliert. So wie wir stolz darauf sind, dass die Altstadt als Ortsbild von nationalem Schutz gilt und deswegen auch Besucherinnen und Besucher zum Verweilen und Entdecken einlädt, so sollten wir auch stolz darauf sein, dass wir mit der Alten Post ein bedeutendes Gebäude besitzen, das aus denkmalpflegerischer Sicht sogar einen kantonalen Schutz verdienen würde!

Gerade in einer schnelllebigen Zeit mit rasch wandelnden Vorlieben sollte ein verantwortungsvoller Umgang mit historischen Zeugnissen wichtig sein. Das gewachsene Stadtbild ist in seiner Einmaligkeit auch ein Identifikationswert und damit auch ein Stück Lebensqualität, das eine Stadt von einer Agglomerationsgemeinde zu unterscheiden vermag.

Heute besteht die Herausforderung weniger im Bau neuer Gebäude als vielmehr darin, Alt und Neu zu kombinieren – beispielsweise durch einen gelungenen rückwärtigen Anbau. Hier könnte die Stadt eine Vorbildfunktion einnehmen. Sie würde mehr Aufmerksamkeit bringen als ein Neubau, weil andere Städte vor der gleichen Herausforderung stehen.

Wohl hat der Einwohnerrat mit einer sehr knappen Mehrheit die Entlassung der Alten Post aus dem kommunalen Denkmalschutz beschlossen, doch gleichzeitig haben viele Voten gezeigt, dass ein Abbruch des Gebäudes nicht gewünscht wird.

Der Stadtrat hat es nun in der Hand mit der Ausgestaltung des Studienauftrages die Weichen zu stellen.

Titus Meier, Einwohnerrat und Grossrat

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Titus Meier

Titus Meier

Historiker und Lehrer, seit 2001 politisch aktiv in der FDP. Einwohnerrat der Stadt Brugg, Grossrat des Kantons Aargau.

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